Entstehungsgeschichte

Entstehungsgeschichte unserer Namen

Unser Name-Familienname gehört zu uns wie unsere Haut, unser Gesicht und stellt uns in den Zusammenhang der Geschichte, er setzt uns in Beziehung zu all denen die vor uns gewesen sind, vor uns diesen Namen getragen haben. Er verbindet uns somit aber auch gleichzeitig mit unserer Familie und unseren Verwanden.

Versuchen wir nun eine Beurteilung unserer deutschen Namen so stellt sich heraus dass diese nach zwei Rtchtungen unser Interesse beanspruchen. Es gilt einerseits, ihrer Bedeutung nachzugehen und den Versuch einer möglichst zutreffenden Erklärung zu geben und andererseits aus ihnen Schlüsse auf die Entstehungszeit zu ziehen. Mit viel Glück können wir sagen das uns die ursprünglichen Formen der deutschen Familiennamen in vielen Urkunden und anderen Quellen erhalten geblieben sind. Ihre Wurzeln reichen bis weit in die Zeit der Germanen hinein und sind seither einer stetigen Vermischung verschiedener Einflüsse unterworfen, deutlich können wir die Dynamik im Wandel der Jahrhunderte sehen.

Die Angehörigen der verschiedenen germanischen Stämme kannten noch keine Familien-Namen, bis ins 12.Jh. begegnen uns in den Quellen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur Einnamige Personen. Doch gab es schon damals Möglichkeiten, familiäre Bindungen zum Ausdruck zu bringen: z. B. die zusätzliche Nennung des Vaters.

Vereinzelt finden sich in der Überlieferung auch individuelle Beinamen, die auf ein besonderes Merkmal des Namensträgers anspielen, so wurde z.B. Friedrich I. wegen seines rotblonden Bartes >Barbarossa< genannt. Charakteristisch fOr diese frühen Beinamen war das sie an die Person des Namensträgers gebunden waren und mit seinem Tod erloschen. Im 12.Jh. setzte jedoch eine Umwandlung des Personennamensystems ein. Wir können in den Quellen verfolgen, wie zur Identifizierung einer Person sowie zur Kennzeichnung der FamHienzugehörigkeit in zunehmendem Maße zwei Namenelemente (Rufname + Familienname) verwendet werden. Für die Zweinamigen Belege aus den mittelalterlichen Quellen sollte man aUerdings noch nicht von Familiennamen, sondern von Beinamen sprechen, denn sie spiegeln eine sehr frühe Phase der Familiennamenentwicklung wieder, in der wesentliche Merkmale heutiger Familiennamen wie Erblichkeit und Festigkeit noch nicht durchgehend nachweisbar sind. Die Entstehung der Familiennamen ist ein sehr komplexes Phänomen, das durch ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren herbeigeführt wurde. Als anregendes Vorbild tür das Aufkommen der Beinamen im deutschsprachigen Raum kann die Namengebung inden romanischen ländern angesehen werden. Bereits zu Beginn des 9.Jh. begegnen uns Beinamen in Venedig, im 10.Jh. in Verona und Florenz sowie in Südfrankreich, seit dem 11.Jh. ist die Doppelnamigkeit auch in der romanischen Schweiz, in Katalonien und in Nordfrankreich anzutreffen. Es ist bezeichnend, dass in Deutschland die Beinamen gerade dort früh auftreten, wo es vielfältige Kontakte zu den romanischen ländern gab, 50 z. B. in Köln und Regensburg. Ein entscheidender Grund für das Auftreten von Beinamen waren kommunikative Bedürfnisse. Infolge der sprachlichen Entwicklung waren die Bestandteile der alten deutschen Rufnamen z.T. unverständlich geworden. Die einzelnen Rufnamenglieder wurden nicht mehr zu neuen Namen kombiniert. Dies führte allmählich zu einer Abnahme des Rufnamenbestandes, die auch durch die Einführung der Heiligennamen nicht mehr ausgeglichen werden konnte. Da immer mehr Personen den gleichen Rufnamen trugen, war eine unmissverständliche Identifizierung des Einzelnen durch den Rufnamen allein, vor allem in den immer größer und bedeutender werdenden Städten, nicht mehr gewährleistet. Dieser Beeinträchtigung der identifizierenden Funktion der Rufnamen konnte jedoch durch eine im bisherigen System vorhandene Möglichkeit der näheren Personenkennzeichnung begegnet werden. Die bis zum 12.Jh. vereinzelt vorkommenden, rein individuellen Beinamen entwickelten sich allmählich zum wichtigsten Bestandteil der Personennamen. Wirtschaftliche Interessen und juristische Gesichtspunkte spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Verbreitung und Festigung der Beinamen. So ist zunächst eine deutliche Zunahme der Zweinamigkelt beim Adel zu beobachten, nachdem die lehen unter der Regierung Konrads H. im Jahre 1037 erblich wurden. Für den Adel war es nach diesem Ereignis wichtig geworden, durch den erblichen Namenzusatz erbliche Besitzansprüche und Privilegien geltend machen zu können.

Wenn aber die führenden Geschlechter in den Städten seit dem 12.Jh. auch einen Beinamen führen, so handelte es sich nicht einfach um eine Nachahmung der adligen Namengebung aus Prestigegründen oder Vornehmheitsstreben. Das städtische Patriziat, das oft über ein beträchtliches Kapital sowie über Lehen und Grundbesitz verfügte, war genauso wie der Adel an einer Sicherung des Familienbesitzes für die nachkommenden Generationen interessiert Durch den Ausbau der Verwaltung und die Zunahme der SchriftHchkeit im 13.114.Jh, wurde die Familiennamenbildung entscheidend gefördert. Es ist einerseits nahe liegend das ein Beiname sobald er einmal von einer Stadtkanzlei oder einer anderen Institution aufgezeichnet wurde, einen dauerhafteren Charakter gewann. Andererseits war es durch die zunehmende Beteiligung der Bürgerschaft an der städtischen Regierung (z.B.bei Ratsbeschlüssen), durch die Anlage von Einwohnerlisten, Zins- u, Steuerregistern, durch die schriftliche Abfassung von Kaufverträgen und geschäftlichen Vereinbarungen, durch die Niederschrift von Heiratsverträgen und Testamenten auch für breitere Schichten der Bevölkerung (kleine Kaufleute, Handwerker, Landbewohner) notwendig geworden, einen Beinamen zu führen, um genau identifiziert werden zu können. Wenn Diener und Mägde in den spätmittela!terlichen Quellen meist noch Einnamig sind, so hängt dies vor allem damit zusammen das sie keine ROlle im öffentlichen Leben spielten und im Allgemeinen nichts zu versteuem oder zu vererben hatten. Insgesamt verbreiten sich die Beinamen vom deutschen Westen und Süden aus nach Osten und Norder.. Die Führung eines Beinamens setzte sich zunächst in den großen Städten, dann in den kleineren und schließlich auch in den ländlichen Gebieten durch. In Nauss beispielsweise sind Beinamen im 13.Jh. noch eine Seltenheit, im benachbarten Köln hingegen schon die Regel. Auch im Hinblick auf die gesellschaftliche Verbreitung der Zweinamigkeit werden deutliche Unterschiede sichtbar, Familien- u, Beinamen sind zuerst beim Adel nachzuweisen, ihm folgten, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, das städtische Patriziat, das Kleinbürgertum und die ländliche Bevölkerung, In spätmittelalterlichen Quellen (l.B, in Einwohner-, Zins- u, Steuerregistern, in Testamenten und Heiratsverträgen) sind auch Frauen relativ häufig vertreten. Ihre Beinamen werden Mithilfe von Ableitungsendungen gebildet. Die Endung -(i)n/-inne kommt im Süden und z.T. auch in Mitteldeutschland vor. Im Norden sowie in einigen Teilen Mitteldeutschlands werden weibliche Beinamen mit den Endungen -see), -seh(e) und -sk(e) gebildet. Unverheiratete Frauen führen in den Urkunden den väter/ichen Beinamen, so z.B. im Regensburg des 14.Jh, sind Cecylie deu WollCBrinne und junchfrawe Agnes die Weimptingern als Töchter hern UIrichs dez alten Wallers bzw. hern Fridreich dez alten Weymptinger überliefert. Bei der Heirat übernahmen Frauen in der Regel den Beinamen des Ehemannes so ist die Regensburger Bürgerin Elspet die Hornbechin, hern Fridreich dez Hornbechen hausfraw [Ehefrau] im Jahr 1367 als Tochter von Katrein Leutzzenriederinn bezeugt. Anders ats in den Mundarten sind weibliche Formen von Familiennamen in der Hochsprache nur bis ins beginnende 19.Jh. lebendig geblieben. Obwohl sich bis zum 15J16,Jh. die Zweinamigkeit weitgehend durchgesetzt hatte, galt noch lange Zeit der Rufname als der eigentlicher Name, Wenn es zur Zeit des Humanismus in gebildeten Kreisen beliebt wurde, deutsche Namen ins Lateinische o. Griechische zu übersetzen bzw. sie mit einer lateinischen Endung zu versehen, so ist dies ein weiteres Indiz für die damals noch bestehende Unfestigkeit der Familiennamen. Von dieser Modeerscheinung zeugen noch viele heutige Familiennamen, Umbenennungen waren zu Beginn der Neuzeit jederzeit möglich. Erst vom ausgehenden 17.Jh. an, setzten sich die Behörden für die Beständigkeit der Familiennamen und die Unterbindung des Namenwechsels ein. Entsprechende Verordnungen werden 1677 in Bayern, 1776 in Österreich, 1794 in Preußen erlassen, feste Familiennamen werden in Friesland durch ein Dekret Napoleons im Jahr 1811 eingeführt,

In Deutschland kam mit der Einführung des Standesamtes im Jahr 1874 der Jahrhunderte andauernde Prozess der Ausbildung erblicher, fester Familiennamen zu seinem Abschluss. Die Schreibweise der Familiennamen wurde verbindlich festgelegt, jegliche Familiennamenänderungen bedürfen von nun ab behördJichen Genehmigungen, Seitdem sind Veränderungen des Familiennamenbestandes nur noch durch Aussterben von Familiennamen, Einbürgerungen und
Änderungen von anstößigen Familiennamen möglich. Im Jahre 1900 sah das Bürgerliche Gesetzbuch
vor, dass die Frau bei der Eheschließung den Familiennamen des Mannes anzunehmen hatte.Die im 20.Jh. eingetretenen Veranderungen in der Gesellschaft und in ihren Wertvorstellungen (etwa der moderne Individualismus, die damit zusammenhängende Einstellung zur Tradition, auch innerhalb der Familie, die zunehmende Gleichberechtigung der Frau) haben zu einer Anpassung der Namensführung an die gesellschaftlichen Bedürfnisse geführt. So war es in der DDR ab 1965 möglich, den Geburtsnamen des Mannes oder der Frau als Ehenamen zu führen. Eine ahnliche Regelung trat 1976 In der BRD in Kraft, dapei konnte der Ehepartner der auf seinen Nachnamen verzichtete, diesen dem Ehenamen als Begleitnamen (mit Bindestrich) voranstellen.
Seit 1994 sind Ehepartner im wiedervereinten Deutschland nicht mehr verpflichtet, einen gemeinsamen Familiennamen zu führen.

Zusammenfassend können wir festhalten das Beinamen die Vorläufer unserer Familiennamen, vor allem dann vergeben wurden, wenn es im gesellschaftlichen Umgang notwendig wurde, eine bestimmte Person genauer zu unterscheiden. Hierzu griff der Namengeber auf ein hervortretendes Merkmal der zu benennenden Person zurück, wie z.B.: Abstammung, Herkunftsort, Wohnsitz, berufliche Tätigkeit oder anderweitige persönliche Eigenschaften. Oie Verleihung eines Beinamens war ursprünglich motiviert, der Beiname charakterisierte und identifizierte zugleich. Bei unseren heutigen Familiennamen Ist das charakterisierende Element verloren gegangen. So kann z.B. Fraulein
Klein groß, Frau Schwarz blond und Herr Müller ein Fleischer oder Koch sein.

Bei der Formenvielfalt und landschaftliche Prägung des Familiennamenschatzes schätzt man das gegenwärtig die Anzahl der Familiennamen deutscher Herkunft mehr als eine halbe Million beträgt. Oberflächlich unterscheiden wir die Namengruppen: Familiennamen aus Rufnamen, Familiennamen nach der Herkunft, Familiennamen nach der Wohnstätte, Familiennamen nach Beruf, Amt und Stand, sowie Familiennamen aus Übernamen. Wie kommt es aber zu einem so umfangreichen Familiennamenschatz? Die Formenvielfalt der deutschen Familiennamen hängt U.8. mit dem häufigen Vorkommen von Schreibvarianten zusammen. Wie bereits erwähnt, kam es erst mit der Einführung des Standesamtes im Jahr 1874 zu einer verbindlichen Schreibung der Familiennamen, bis dahin konnte sich ein-und-dieselbe Person nach Belieben z.B. Kramer o. Cramer, Kuntze o. Kunze, Jacobi Q. Jakoby schreiben. Verschiedene Möglichkeiten der schriftlichen Wiedergabe von Lauten und Lautverbindungen, die meist ältere, z.T. auch regionale Schreibgepflogenheiten widerspiegeln, sind in den Familiennamenschreibungen erhalten geblieben.
Es wehen wundersame Geheimnisse um unseren Namen, den jeder von uns durchs Leben trägt und so gibt es Namen, die scheinen schon Klang, Größe und Kraft in sich zu haben. Aber nicht der Name formt den Menschen, sondern der Mensch formt den Namen und fOllt ihn an mit Sinn, Kraft und Schönheit. Der klanglich armseligste Name wird voller Zauber und Macht durch den der ihn trägt.

Fühlen Sie sich weiterhin daheim in der Haut Ihres Namens, in den Sie wohl hineingewachsen sind, obschon Sie Ihn sich nicht ausgesucht haben.